VORWORT

Jeder Baum hat Wurzeln. Auch wir Menschen besitzen im übertragenen Sinne Wurzeln. Ohne unsere Vorfahren, deren Leben, deren Arbeit, deren Liebe und Leid gäbe es uns nicht. Und die Beschäftigung mit deren Existenz kann uns dankbar erkennen lassen, in welch glücklichen Umständen jedenfalls die meisten von uns in dieser Zeit leben dürfen. Die Schrecken des Dreißigjährigen und der beiden Weltkriege kennen wir Gott sei Dank nur aus dem Geschichtsbuch bzw. den Erzählungen der Eltern. Viele der Krankheiten, die früher zu hoher Kindersterblichkeit und generell zu einem kurzen Leben oder einem mühe- und leidvollen Alter führten, sind Dank der Fortschritte von Naturwissenschaften und Medizin Vergangenheit. Die Aufzeichnungen der Ortspfarrer in den Kirchenbüchern und die Notizen der Vorfahren berichten von alledem in häufig bewegenden Worten. In jüngster Zeit hat die Existenz des Corona-Virus uns erkennen lassen müssen, das Lebensrisiko als das zu betrachten, was es ist: stets vorhanden. Aber deutlich geringer als in allen Zeiten vor uns.

Das Wissenwollen „wie es gewesen ist“ und „wo es war“, mündete in zwei Aktivitäten: dem Aufbau einer digitalen Datenbank und darauf gründend, der genealogisch-schriftstellerischen Tätigkeit. Sie gingen von Anfang an nicht unterbrechungsfrei und geradlinig vonstatten. Im Jahre 2010 schloß ich mein damaliges Wissen um die Familienzweige eines Teils meiner bäuerlichen Vorfahren ab mit dem dreibändigen Werk der „Anmerkungen zur Geschichte der Familie Klothmann aus Heeren-Werve“. Dem folgte drei Jahre später die ebenfalls als Privatdruck herausgebrachte Materialsammlung mit dem Titel „Die Zieringschen Nachfahren bis zu Friedrich Gustav Adolf Löchelt und Friederike Caroline, geb. Stöcker“. Hier stand ein Teil meiner mütterlichen Ahnen im Mittelpunkt meines Interesses. Diese Veröffentlichungen enthielten bereits derart große Daten- und Faktenvolumina, daß weitere Aufsätze zwingend eine systematische genealogische Datenbank erforderten. Diese liegt zwischenzeitlich vor und ist allen Interessierten zugänglich. Ich bin ARCHION, dem Kirchenbuchportal der Evangelischen Kirche in Deutschland und seinem Geschäftsführer, Herrn H. Müller-Baur, sehr dankbar für die Genehmigung, Kopien der digitalisierten Dokumente auf meiner Internet-Seite veröffentlichen zu dürfen. Sie haben auch Eingang in meine familiengeschichtlichen Darstellungen gefunden, einen Teil derer ich hier - zum Teil auch auszugsweise - veröffentliche.

Diese Aufsätze entstanden im Verlaufe der letzten fünfzehn Jahre. Ich greife in Ihnen einige Schwerpunkte meiner Forschungstätigkeit auf und versuche, die zugrundeliegenden Sachverhalte zu vertiefen. Ich habe diese Abhandlungen ein wenig hochtrabend mit Monographie überschrieben. Einige der Themen, wie beispielsweise der Neubau des Helmigschen Bauernhauses in Ostheeren im Jahre 1797, regten meine Phantasie an. Auf den Tatsachen der erhaltenen nackten Baukostenrechnungen aufbauend, entstand vor meinem geistigen Auge und danach auf dem Papier das rekonstruierte Bild dieses Gebäudes, das im Juni 1861 durch Blitzschlag zugrunde ging und das ich selbstverständlich nie gesehen habe. So gut wie es mir Heutigem überhaupt möglich ist, habe ich immer wieder versucht, mich in die Lebenswirklichkeit der Vorfahren zu versetzen. Trotz Goethes tiefer Skepsis, die sich in folgendem Zitat aus Faust äußert:

„Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln“.
(J.W. Goethe, Faust, Der Tragödie erster Teil, 1808,
Szene: Nacht, Faust zu Wagner)


Die Themen meiner Darstellungen lassen eine mehr als ungefähre chronologische Abfolge nicht zu. Und auch diese würde keine wirkliche, eins auf das andere aufbauende Abfolge erkennen lassen. Daher habe ich nolens volens darauf verzichtet, einen solchen Versuch in dieser Zusammenstellung zu unternehmen. Gegliedert habe ich nur insoweit, als der erste Abschnitt den väterlichen Familienkreis Klothmann und den mit dieser Familie verbundenen Familien und Personen umfaßt. Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit Themen der großelterlichen Sippe mütterlicherseits, also den Familien Kiesenberg und Löchelt. An die erste Stelle im Familienkreis Klothmann habe ich die Texte gestellt, die sich mit dem Familiennamen und dem Wappen beschäftigen.

Es folgen die Abschnitte „Haus und Hof“, „Einzelne Vorfahrenfamilien“ und schließlich „Einzelne Vorfahren und Anverwandte“.

Eine abschließende Bemerkung ist mir noch wichtig: Teile meiner Aufsätze lassen hoffentlich mein emotionales Engagement erkennen. Das ist gewollt: ich bin nicht der abgehoben-neutrale „Wissenschaftler“. Jedoch habe ich mich bemüht, nichts zu beschönigen und nichts, was hätte gesagt werden müssen, zu verheimlichen. Alles durch zuverlässige Urkunden belegte Material habe ich wahrheits- und einsichtsgetreu verwertet, gleichviel ob die eine oder andere Tatsache vom bürgerlichen Standpunkt aus betrachtet für die Familie „vorteilhaft“ erschien oder eben nicht.

Drei technische, gleichwohl wichtige Ergänzungen sollen diese Einleitung abschließen:
Meine Numerierung der Generationen weicht ab von der in der Genealogie üblichen Vorgehensweise: zählt hier meine eigene Generation mit der Ordnungszahl 1, so beginnt meine Zählung mit der Ordnungszahl 1 bei meiner Elterngeneration.
Da die Aufsätze in sich geschlossene Themenkreise behandeln, sind Wiederholungen (z.B. „Helmig-Inventar“) unvermeidlich.
Diese Abhandlungen sind im Rahmen rein privater, familiengeschichtlicher Forschungen entstanden und können Material enthalten, das möglicherweise die Rechte Dritter berühren kann. Sollte ein Dritter seine Rechte verletzt sehen, so bitte ich um Mitteilung, damit ich das betreffende Material unverzüglich entfernen kann.


Hamburg, im Frühjahr 2021


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Aufsatzsammlung

Historisch bedeutsame Abbildungen 2021

Quellen- u. Literaturverzeichnis






SCHLUßWORT

Wenn mir die Arbeiten gelungen sein sollten, so zeigen diese Aufsätze ein Kaleidoskop des Lebens und der Umgebung meiner Vorfahren. Grob unterteilt, setzte sich der väterliche Familienkreis fast ausschließlich aus Bauern in der außerordentlich fruchtbaren Bördelandschaft der Grafschaft Mark zusammen. Besitzerstolz und standorttreu, sind diese Ahnen über Jahrhunderte zurückzuverfolgen. Da das Anerbenrecht galt, ging der Bauernhof ungeteilt von einer in die andere Hand. Die nichterbenden Kinder hatten manchmal das Glück, einen Ehegatten zu finden, der selbst Hofeserbe war. Dann blieb man das, was man war. Die übrigen Kinder aber wurden besitzlose Knechte oder Mägde oder wechselten in das Handwerk. Der mütterliche Familienkreis der Kiesenbergs und der Löchelts hingegen ist hinsichtlich seiner soziologischen Struktur sehr viel heterogener und „spannender“. Abgesehen von den Hummelbecks, die ursprünglich auch dem bäuerlichen Milieu entstammten, finden sich über Jahrhunderte alle möglichen Handwerksberufe. Häufig vertreten waren die Müller, die Schmiede, die Bergleute, die Schuhmacher und die Maurer. Neben ihrem Handwerk betrieben sie nicht selten als Kötter oder Kossaten eine kleine Nebenerwerbslandwirtschaft mit Gemüsegarten, einer Kuh oder Schafen bzw. Ziegen. Das war - materiell betrachtet - ein eher kümmerliches Leben in einer kleinen Subsistenzwirtschaft.

Allerdings finden wir in der weiteren Vergangenheit auch Akademiker wie Juristen oder Pfarrer und sogar Angehörige z.B. des Patriziats von Städten wie Berlin, Magdeburg, Frankfurt a.d. Oder und anderen. Auch der niedere Adel ist vertreten - in beiden Familienkreisen. Das Heiratsverhalten der Töchter aus „besseren“ Familien, die durch eine Ehe versorgt werden mußten, brachte es mit sich, daß sie sich überwiegend mit einem Partner verbanden, der - sozial - einem Niveau unter dem der Elterngeneration angehörte. So heiratete die Tochter eines magdeburgischen Advokaten und Ratsmanns den (immerhin!) akademisch gebildeten Konrektor, Magister und späteren Landpfarrer und Dekan Martin Rost. Dessen Tochter ehelichte einen angesehenen Müllermeister im Ostharz. Berufssoziologisch geht es danach weiter abwärts. Mein Urgroßvater schließlich, der dieser Linie entstammte, war einfacher Grubenschmied in zwar geordnet-christlichen, aber dennoch wirtschaftlich-prekären Familienverhältnissen. Die Ehefrauen entsprachen stets dem Bilde der typischen Hausfrau und Mutter vergangener Jahrhunderte. Sie hatten genauso hart zu arbeiten wie ihre Ehemänner und brachten darüber hinaus im Zwei- bis Dreijahresabstand ihre Kinder zur Welt. Viele überlebten die erste Lebensphase nicht: der Tod war in den Familien allgegenwärtig.

Die zweite Hälfte des neunzehnten und dann das zwanzigste Jahrhundert brachten einen bedeutenden Wandel mit sich, und zwar sowohl gesamtgesellschaftlich wie auch auf die Individuen meiner Sippe bezogen. Der Schwiegersohn des Grubenschmiedes stieg auf zum angestellten Steiger (einen Angestellten, den man auch als Beamten bezeichnete). Die Geschwister der Großmutter, die es auf diesen künftigen Steiger „abgesehen“ hatte, wurden erfolgreiche und gutverdienende Kaufleute und Bäcker. Die Kinder dieser Generation begnügten sich nicht mehr mit dem Volksschulabschluß, sondern erlangten die Mittlere Reife (meine Mutter). Deren Cousins und Cousinen studierten bzw. ergriffen angesehene Berufe.

Ähnliches ereignete sich auch in der väterlich-bäuerlichen Linie. Nach der Bauernbefreiung in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts steigerte sich das bäuerliche Bildungsniveau nach und nach durch verbesserte Informationen und dann auch durch den Besuch weiterführender berufsorientierter Schulen (landwirtschaftliche Winterschulen). Die noch unverheirateten jungen Frauen besuchten vor der Eheschließung das sogenannte Pensionat und wurden dort mit der „feineren Lebensart“, mit Literatur und Musik und mit moderner Haushaltsführung vertraut gemacht. Dieses Wissen und die daraus resultierende Lebensart brachten sie in ihre Ehe ein.


Wohnverhältnisse und Lebensgestaltung glichen sich der Lebensführung an, die wir gemeinhin die bürgerliche nennen. Ziel der Eltern war es, den Kindern ein Leben auf höherem materiellen und sozialen Niveau zu ermöglichen. Meine Tante schloß mit der Mittleren Reife ab und heiratete einen Arzt. Mein Vater entschied sich für eine Offizierslaufbahn. Beide ermöglichten allen ihren Kindern eine akademische Bildung.

Diese Ab- und Aufwärtsentwicklung in meiner Sippe hat mich immer wieder zum Nachdenken angeregt. Wie ich im Vorwort zum Ausdruck brachte, sollten wir dankbar erkennen, unter welch glücklichen Umständen unsere Generation zu leben vermag. Das verdanken wir zu großen Teilen der Leistung und dem Verzicht unserer Vorfahren, denen die Zukunft ihrer Kinder als Lebensziel von allergrößter Bedeutung war. Für sie brachten sie viele Opfer.
Im Mittelpunkt meiner Aufsätze steht auf der einen Seite ein tüchtiges westfälisches Bauerngeschlecht, das nach altem Brauch den Namen eines schon im Jahre 1300 urkundlich erwähnten Hofes in Werve als Familiennamen angenommen hatte, auf der anderen Seite eine mitteldeutsche Sippe von Rats- und Kaufleuten, Akademikern und Handwerkern.

Ach: ein Wort noch zur Stellung unserer weiblichen Vorfahren. Es erscheint mir wichtig angesichts anhaltender, teils hochemotionaler und teils auch irrationaler Diskussionen um Gleichberechtigung und „gendergerechtes“ Sprechen und Schreiben. „Gleich“ waren Männer und Frauen in der Vergangenheit so wenig wie in der Gegenwart. Sie waren - Gott sei Dank - stets in Vielem „ungleich“, unterschiedlich. Die Frauen meiner bäuerlichen und handwerklichen Familien standen, das zeigen meine Forschungen, stets ihren Mann. Sie waren häufig Erbinnen, verfügten über Eigentum und besaßen die häusliche Schlüsselgewalt. Mann und Frau bildeten in der Regel auch eine unauflösliche Wirtschaftsgemeinschaft. Der Eine war ohne die Andere nichts und umgekehrt. Selbst wenn der Frau noch bis ins 19. Jahrhundert von Herkunft oder Gesetzes wegen ein Vormund für ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten bestellt wurde, so entschied doch meine Vorfahrin Friederike Sudhaus 1828 aus freien Stücken über den „Freikauf“ des Hofes. Sie war Besitzerin und wurde die Eigentümerin. Gestalten wie Margaretha Ziering, Mitstifterin der zweiten Familienstiftung im 16. Jahrhundert, oder Wilhelmine Leiffermann, meine Urgroßmutter, oder deren Schwiegertochter Luise, meine Großmutter, waren selbständig denkende und handelnde Frauen mit ganz eigenem „Kopf“. Sie alle standen, wie man heute sagt, „auf Augenhöhe“ mit ihrer männlichen Umgebung. Diese weiblichen Persönlichkeiten sind eben nicht zu verwechseln mit groß- und kleinbürgerlichen Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich selbst mit dem Heimchendasein und den drei K's (Kinder, Küche, Kirche) zufriedengaben oder von ihren Männern (und „der Gesellschaft“) darauf beschränkt wurden.


Schließlich: in das oben erwähnte Glücksgefühl mischt sich als bitterer Tropfen Wermut die Tatsache, daß durch Entscheidungen der Eltern der Bestand der Familienerbstücke willkürlich zerrissen und auf drei Kinder aufgeteilt wurde. Der Stammsitz der Familie Klothmann, der auch einmal meine Heimat war, dauert zwar augenblicklich noch als ein aus der Zeit gefallenes Fossil in einer durch Industrialisierung und „modernen Städtebau“ nicht eben attraktiv gewordenen Umgebung. Seine Zukunft aber erscheint mir düster und eigentlich hoffnungslos. Jedoch, und um in die Zukunft zu blicken, war und ist es meine selbstgewählte Aufgabe und freudig wahrgenommene Pflicht, den unmittelbaren Abkömmlingen meiner Geschwister und deren Nachfahren zu vermitteln, wie es „einmal gewesen ist“ in unserer Sippe. Eingangs habe ich den skeptischen Goethe zitiert. Schließen will ich mit seiner Aufforderungen an Erben

„Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last,
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen“.
(J.W. Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808.
Nacht, Faust mit sich allein)